Martin Wernert

Martin Wernert

Maler

Seine Malerei zeugt von einer tiefen Skepsis gegenüber der zeitgenössischen Kunst, einer Kunst, in der der Realismus, die Bild-Ästhetik und die Transparenz des handwerklichen Könnens lange Zeit eine unterbewertete Rolle spielte. Sein Realismusbegriff geht somit über die pure Abbildung der äußeren Wirklichkeit hinaus. Er schafft eine narrative Offenheit, die bei den Betrachtern eigene Assoziationen freisetzt. Martin Wernerts Kompositionen beruhen auf formaler Strenge, durchdachter Bildorganisation und dramaturgischer Lichtregie. Ihn beschäftigt die Bandbreite an Empfindungen zwischen Verlassenheit und Abhängigkeit, die Menschen im Angesicht einer ihnen fremden Umgebung erfahren.

H. Schlichtenberger

News

Martin Wernert: Verfinsterung, Buchcover und Kassette
Gmeiner Verlag · Kunst und Design

Verfinsterung

Der Bildband „Verfinsterung" versammelt erstmals einen umfassenden Überblick über drei Jahrzehnte meines Schaffens, mit über 100 Abbildungen. Den Kern bilden großformatige Interieur-Bilder mit jungen Frauen, die sich im Lauf der Jahre von lichten Alltagsszenen zu nächtlichen, rätselhaften Begegnungen wandeln; hinzu kommen die Stillleben als zweiter großer Werkblock.

Der Band enthält einen begleitenden Essay des Freiburger Philosophen Rudolf Brandner sowie ein kurzes Statement von mir selbst zu den Zielen meiner Arbeit.

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Ausstellungen & Aktuelles

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Biografie

Martin Wernert, Portrait

Geboren 1965 in Meßkirch. Studium der Malerei und Graphik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Freiburg bei Prof. Peter Dreher, 1983–88. Lebt und arbeitet in Radolfzell a. B.

Film

„The Sunken Place" — eine Kurzdokumentation im Stil des magischen Realismus über meine Arbeit (englische Untertitel).


Texte

Kontemplation

Ich fühle mich jener Tradition1 von Künstlern angehörig, die eine als magisch erlebte Wirklichkeit in Bilder umzusetzen und zu verdichten sucht. „Magisch" nenne ich jenes, mit Angst und Hoffnung verbundene Gefühl, daß dieser ebenso grausamen wie schönen Welt, in der wir als Menschen erwachen, etwas Tieferes zugrunde liegen muß. Wir nähern uns diesem Verborgenen allerdings nicht, indem wir seine Erscheinungen sezieren, deformieren oder symbolisch besetzen, sondern indem wir diese immer wieder beschreibend und darstellend umkreisen, ihnen Namen, eine eigene Ordnung, einen persönlichen Sinn geben. Zugleich zu ihnen zu gehören und außerhalb zu stehen, ist dabei das eigentliche Geheimnis.

Die Naturwissenschaften und auch die Psychologie, trotz ihrer faszinierenden Einsichten im Einzelnen, scheinen mir im absoluten Sinne nichts zu erklären. Einige ihrer Vertreter sprechen auch davon, daß die Suche immer wieder ins Offene, Unfassbare weist. Zum einen suggerieren die technischen Anwendungen wissenschaftlicher Erkenntnisse prinzipielle Erklär- und Beherrschbarkeit des Wirklichen, zum anderen dienen deren Grenzen als Begründung für eine individuell gestaltete Fluchtbewegung in fundamentalistische Religiosität oder Esoterik. Beides führt zur Instrumentalisierung von Natur und Mensch, vielleicht zu deren Zerstörung. Die primäre Würde des phänomenal Gegebenen, das Erstaunen und der Respekt vor ihm bleiben für mich jedoch unhintergehbar. Ich beharre auf einer Weltanschauung im eigentlichen Wortsinn.

Auch weil die zunehmende Ökonomisierung des Natürlichen einhergeht mit der Geringschätzung und Banalisierung des Imaginativen und Schönen. Das „Schöne" wird zwar seit einiger Zeit wieder rehabilitiert, oft aber mit gefälliger Niedlichkeit oder ästhetischem Kalkül verwechselt. Die Sehnsucht nach ihm und seiner Darstellung ist vielleicht das eigentliche Merkmal des Menschen – jenes Wesens, das sich seiner selbst und seiner Endlichkeit bewusst, zwischen Eros und Thanatos steht – und bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Ebenso wenig wie die artistische Lust an Spiel, Stimmigkeit und eleganter Lösung.

Damit sind für mich die entscheidenden Gründe meines künstlerischen Arbeitens benannt. Stilistisch folgt daraus eine Orientierung zum Realismus (nicht Naturalismus!) hin. Dieser liefert das formale Gerüst, den objektivierenden Fluchtpunkt an einem zwangsläufig subjektiven Erlebnishorizont.2

Meine Maltechnik lehnt sich an die des 15.–17. Jahrhunderts an, bei der die endgültige Farbwirkung erst durch das Übereinanderlegen mehrerer transparenter Farbschichten erreicht wird. Eine größere Farbtiefe und Differenzierung sind so, gegenüber einer reinen „Primamalerei", möglich. Natürlich sind die Techniken vergangener Zeiten nur noch bedingt nachvollziehbar, es geht mir auch nicht um nostalgische Handwerklichkeit. Qualität und Haltbarkeit meiner Materialien aber sind mir wichtig, da ich möchte, daß meine Bilder möglichst lange so bleiben wie ich sie gemeint habe.

(1) Die römischen Wandmalereien sind die frühesten erhaltenen Zeugnisse dieser Tradition. Greifbar wird sie, zumindest in der Kunst des Abendlandes, erst wieder in der frühen Renaissance, als die Künstler begannen, sich mehr und mehr der Darstellung der äußeren Wirklichkeit zuzuwenden, sie nicht mehr als Vehikel der Illustration eines ikonographisch kodierten Transzendentalen zu gebrauchen, sondern sich ihren ureigenen Herausforderungen zu stellen. Von da an wurde die Darstellung eines heilsgeschichtlichen, historischen oder legendären Geschehens mehr und mehr zum Vorwand, zum Thema, zum Sujet, zum Anlass die äußere Welt abzubilden. Neben Künstlern, die eher zu ausschweifendem Erzählen neigen, stehen jene von großer formaler Strenge und Ernsthaftigkeit. Sie sind es, die das Wirkliche, als das im Tageslicht Erscheinende, eher meditieren, als mediatisieren. Um einige Namen bis in unsere Tage hinein zu nennen: P. d. Francesca, Masaccio, Mantegna, Leonardo d. V., Caravaggio, Vermeer, Poussin, G. d. Tour, Chardin, C. D. Friedrich, Seurat, E. Hopper, Balthus, L. Freud.

(2) Das Spannungs- und Kraftfeld zwischen den Polen objektiv/subjektiv ist m. E. eine der wenigen echten Konstanten in der Kunst der Neuzeit. Die Auseinandersetzung mit der etwas unscharfen Begrifflichkeit von „Form" und „Inhalt" kann dabei zu erkenntnisfördernden Ausflügen an die Ränder dieses Feldes führen, aber auch zu Plattheiten des Expliziten.

Offizielle englische Übersetzung von martin-wernert.de.

Ausstellungsreden & Essays

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „DASEIN" Martin Oswald · Engen, 2015 +

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Frau Sonntag, geschätzte Freunde der Stubengesellschaft, liebe Kunstfreunde, lieber Martin Wernert.

Es ist mir eine Ehre, dass Sie mir das Vertrauen schenken, zu einer Kunst sprechen zu dürfen, in deren geradezu unheimlicher, kraftvoller Stille der Schriftsteller Arnold Stadler (2009) ein sehr existentielles – dieser Ausstellung titelgebendes – Momentum unseres Daseins entdeckt hat, das uns in einprägsamen Bildern eine „Vorstellung von Zeit, von Dauer und Währen und Bestandhaben" liefert, das uns erahnen lässt, wie „kurz das Leben ist, und aus wie wenigen Dingen die Welt und der Mensch besteht", das in wohl gesetzten Perspektiven Schlaglichter wirft aufs eigne Dasein und das, was es umgibt, umflort zugleich von jener Wehmut, die allem Dasein und der unerfüllten Illusion, es niemals aufzugeben, innewohnt.

Ich entführe Sie zunächst dorthin, wo diese Kunst entsteht. Wer Martin Wernerts Atelier besucht, betritt einen magischen Ort. Ein altes rotziegeliges Industriegebäude, das schon bessere Tage gesehen hat, dessen Funktion sich für den Fremden nicht sofort erschließt, wenn es überhaupt noch eine hat. Der Weg dahin führt durch ein angelehntes Zauntor über einen schmalen Pfad nebst einer nur selten noch gemähten Wiese. Neben einer schweren Tür aus graugestrichenem Holz die Klingel, oben, drei Stockwerk höher geht ein Fenster, dort lebt der Künstler als einziger Bewohner eines betagten Labyrinths, wo Martin Wernert sich ganz oben eingerichtet hat. In einem großen Raum das Atelier, alte Tische, Staffeleien, das Bett, ein riesiges Bücherregal teilt die Bereiche, Wernert ist nicht nur Maler, sondern auch notorischer Leser mit einer hohen Affinität zur zeitgenössischen Musik. Er selbst spielt Schlagzeug auf hohem Niveau. Es ist Abend, und ab und an huschen Lichtkegel vorbeifahrender Autos über die Wände der alten Kartonfabrik. Im Halbdunkel ruhen antiquierte Maschinen aus schwerem Guß, bis heute im Dienst, unendlich haltbar, Monumente ihrer selbst, doch ihre Zeit scheint abgelaufen, wie vieles hier, was uns umgibt.

Das Haus wäre eigentlich der typische Ort für einen Künstler in Berlin, wo der 1965 in Meßkirch geborene Martin Wernert phasenweise wohnte, doch bald das Weite suchte, fliehend der selbstverliebten Stadt, die Bedeutung oft nur spielt, sich Großes anmaßt, ohne es zu sein. Wernerts Klause weitab davon, sie steht in Trossingen, wie Kafkas Schloss als Solitär befremdlich mitten im Herzen einer kleinen Stadt. Ein Ort der Ruhe wohl. Wer solche Bilder malt, wie Martin Wernert, der braucht Ruhe, zum Nachdenken, zum Malen, beides Synonyme für sein Tun.

Die Bilder sind so magisch wie der Ort, wo sie entstehen, der Raum selbst ist die Kulisse seiner Bilderwelt, und wer ihn betritt, betritt zugleich die Welt der Bilder. Bild und Abbild, Erfindung und Wahrheit, Hier und Dort, fließen unmerklich ineinander, Dank eines Malers, der die Welt mehr schaut als andere und ihnen davon zeigt, was sie sonst flüchtig übersehen. Fabrikfensterblicke, der neblichte Schimmer von Straßenlaternen, die Schattenwürfe alter Fensterkreuze, schwereisernes Gerät aus anderen Zeiten. Der Künstler, infiziert vom Ort, schafft Arrangements von Personen und Objekten, sie wollen entschlüsselt sein, und doch entziehen sie sich letzter Deutung. Nicht selten treffen wir zweimal auf dieselbe Gestalt im Bild, eine Frau, die ihrem Alter Ego begegnet, eine nachdenkliche Haltung evozierend, ein Nachdenken über die Welt, das Leben, die Vergänglichkeit, den Tod. Martin Wernerts Memento-Mori-Malerei schichtet in altmeisterlichen Lasuren Fragen über Fragen an eine brillant erfasste Wirklichkeit, hinter derem Schein der Anschein mehr verhüllt als preisgibt. Unendliche Variationen der Frage nach dem Sein.

Irgendwie verloren wirken sie da, die Frauen zwischen Apparaturen und Geräten, die doch eigentlich für Rationalität, Organisation und Produktivität zu stehen hätten, könnten wir nur deren Sinn und Zweck erfassen, der sich gerade auf den zweiten Blick nicht mehr erschließt. Auch die Figuren atmen mehr die Stille als das Leben, stille leben, alles ist Stillleben. Auch und gerade die kleinen Serien von Arrangements einfacher Vasen und Gefäße spielen mit der stillen Lebendigkeit der Dinge, die doch fürs große Ganze steht. Mal ändert sich nur der Grund, auf dem sie stehen, mal dreht der Portraitist der Dinge den Henkel ein Stück weiter, tauscht ein Glas gegen das andere und schon ist das, was vorher noch gewiss, plötzlich gestört und sorgt für des Betrachters Ungemach und doch zugleich Genuss, denn wie zum Greifen nah ist diese Welt, die dennoch nur gemalte Illusion.

Martin Wernert ist ein ganz Großer seiner Kunst, auch wenn mancher gern nach Vorbildern und Vergleichen sucht. Wir denken an seinen Lehrer Professor Peter Dreher, dem ein einziges Trinkglas zum Abbild des unendlichen Erscheinungsbilds der Welt genügt. Wir denken an Edward Hopper, der in der Magie von Architekturen der Alltagswelt die Leere unserer modernen Welt enthüllt. Wir denken an die Lichtmaler des Barock, an Georges de la Tour und andre Meister. Doch Martin Wernert wäre kein Großer, hätte er nicht alle aufgesogen und dabei noch sein Eigenes entdeckt und alles wieder neu geschaffen. Denn seine Bildwelt lässt sich auch jenseits allen Abbilds lesen. Jedwede kleinste Spiegelung des Lichts auf Wänden, Körpern, Oberflächen steht für den ganzen Kosmos, jede Linie, von anderen begleitet oder nur leicht berührt, steht für die Spannung, die entsteht, wenn die Begegnung naht, Hell-Dunkel-Übergänge, Materialkontraste, Leben gegen Tod, in allen Fasern und Passagen dieser Bilder lässt sich erspüren, was uns Welt bedeutet und was es heißt, vom Dasein sprechen und in Anbetracht vom Dasein wieder Abschied nehmen müssen. Reicher kann man den Betrachter kaum beschenken. Wir fühlen uns beschenkt von diesen Bildern. Lieber Martin Wernert, vielen Dank dafür!

Stills und Stilleben vom Bleibenwollen — Zu Martin Wernert Arnold Stadler · 2009 +

Ich kannte noch Menschen, die lebten ohne Fernseher. Es gibt sie wohl immer noch. Wir leben in einer Welt, einer Welt der Bilder, Fernsehbilder, es herrscht eine irrsinnige Mobilität, eine undurchschaubare. Der Mensch will bleiben, aber er muß gehen. Daher vielleicht dieser Bewegungstumult. Es ist ein rasender Stillstand. Ein Bild nach dem anderen. Diese Bilder, Stilleben von Martin Wernert, sind zu denken auf der Folie von tausend Kanälen, die in tausendstel Sekundenintervallen ein Bild nach dem anderen liefern, und sie sagen mir auch: So nicht.

Jede neue Technik evozierte ein Überdenken und eine neue Kunst. Am sichtbarsten und einleuchtendsten vielleicht durch die Erfindung der Photographie. Die große Zäsur im Leben der Malereigeschichte dürfte die Erfindung der Photographie, die eigentlich, wie alles Große, eine Entdeckung ist, gewesen sein. Die Maler und Künstler aller Zeiten mußten auf ihre Zeit reagieren, und sie taten es. Ganz besonders auf die Entdeckung der Photographie. Ein Photo ist auch Stilleben. Das alles kennt und weiß Martin Wernert. – Und daher malt er, wie er malt. Ja, er malt. Stilleben. Und wie.

Der ganze Tumult der bewegten Bilderwelt: Dem allem hält ein einziges Stilleben von Martin Wernert stand, es ist hingemalt wie das Gedicht »Erschütterer Anemone«, die der Dichter Gottfried Benn dem Menschen »schweigend hingesät« sah. So etwas ist ein Stilleben, all dem Bewegungswahnsinn, dem vielleicht sogar die Angst vor dem Tod zugrunde liegt, entgegengemalt, damit es bleibt. Denn dem Bleiben setzen diese Stilleben ein Denkmal. Oder nicht? Diese Bilder zeigen etwas, aber sie verbergen auch etwas. Sie sind dunkel und hell. Sie halten etwas fest und rücken es uns ins rechte Licht. Sie heben etwas auf.

Ich will in der Gegenwart solcher Bilder etwas sagen. Doch was sagen? Die Sprache wird immer an den Bildern scheitern. Einfach zu sagen: »Schön«, ein Wort, das mir unbedingt einfällt beim Sehen, genügt ja nicht. Und doch möchte ich gerade dies sagen. Wohl aber die Vorstellung von »Zeit«, von Dauer und Währen und Bestandhaben, denn es scheint immer schon da zu sein, was ich da sehe.

So ein Bild scheint etwas ganz Einfaches zu sein, scheint einfach da zu sein, während die Zeit ausgeschaltet ist, wie auch der Rest der Welt nicht da ist, und schon gar nicht der gewaltsame Teil. Zwar gibt es auch solche Stilleben, alte, die einen ausblutenden Fasan zeigen, Hühner, die nun drapiert sind, um gefressen zu werden, aber so sind diese Bilder von Martin Wernert nicht. Und doch kann man Angst bekommen, wenn ich sehe, was da ist, je länger ich hinsehe.

Wie kurz das Leben ist, und aus wie wenigen Dingen die Welt und der Mensch bestehen, das zeigen mir diese Bilder, als wollten sie mir den Meister zeigen, und sie tun es ja: Das ist alles, sagt mir Bild für Bild. Und noch einen Schritt weiter: »Das bist du«. Ja, so seltsame, unverhoffte Portraits von dem, was wir sind, und was uns ausmacht, können solche Stilleben sein. »Es gibt« – das ist der Gedanke, der sich beim Betrachten eines Stillebens, gerade eines solchen, einstellt. »Einfach so« — »und doch«! Das scheint die Sprache dieser Bilder zu sein.

Ein Stilleben hat die Kraft des Stillen — und es kann sich zwischen so einem Bild und solchen zwei Augen etwas ergeben, an das sich der Mensch erinnern kann. Es ist so wenig, und so viel. Diese Bilder haben mit dem Bleibenwollen zu tun. Man nannte es Stilleben. – und ich weiß nicht, warum. Eigentlich ist ein solches Wort, dieses, ein Widerspruch. Vielleicht, weil man die Dinge, die auf einem solchen Bild zu sehen waren, einst für tot hielt? Aber sie und die Welt dahinter leben doch! Das sehe ich doch! — »Sähet ihr es nicht?«

Es ist eine unheimliche Stille um alle Bilder dieser Welt. Und erst um diese Bilder von Martin Wernert. Aber kaum sah ich sie, sagten sie mir auch schon etwas, ja, sie begannen zu sprechen. Schau! – Sieh dir das an! — Wir sind die Zeugen. Käme dereinst einer von einem anderen Stern und es wäre ein Mensch und hätte Augen, dann könnte er Bilder wie diese sehen. Sie sagten ihm: Da war einer, der Zeugnis davon geben wollte, daß es ihn gegeben hat, und was er gesehen hatte, und wie er das zeigen konnte. Doch heute schon mir. Diese Bilder sprechen. Sie sagen mir: Der Mensch will bleiben. Aber er muß gehen. — das sagen sie mir, aufs schönste.

Dieser Text ist der Broschüre entnommen, welche zur Ausstellung „Die Ordnung der Dinge" im Klinikum Schwenningen 2009 erschienen ist.

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Martin Wernert – Malerei und Zeichnung" Ferdinand Messner · Galerie „Zur Alten Linde", Obereschach, 20.3.1997 +

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste! An Stelle von Antonia Reichmann, die leider erkrankt ist, werde ich Sie heute Abend in das malerische und zeichnerische Werk von Martin Wernert anhand seiner hier in der Galerie „Zur Alten Linde" bis zum 2. Mai ausgestellten Werke einführen. Dabei möchte ich meinen Vortrag in drei Abschnitte gliedern: Ausgehend von einigen Reflexionen zu den Möglichkeiten und Grenzen von Kunstinterpretation im Allgemeinen werde ich auf die Begriffe „Realismus" und „Postmoderne" eingehen, die – wie ich meine – für ein Verständnis der Bilder von Martin Wernert von zentraler Bedeutung sind.

Das gängige kunsthistorische Interpretationsschema, auf das ich mich im Folgenden berufen werde, besteht aus vier Schritten, die sich zwar qualitativ voneinander unterscheiden, aber dennoch notwendig voneinander abhängen: Am Beginn jeder Auseinandersetzung – nicht nur mit Kunst, sondern mit jedem Teil unserer Umgebung – steht die empirische Wahrnehmung von Dingen. Erwin Panofsky unterschied in diesem Zusammenhang zwischen „Stilgeschichte", „Ikonographie" und „Ikonologie". Was der Kunstgeschichtsschreibung jedoch per definitionem versagt bleibt, ist die Bestimmung und zugleich das Hinterfragen abstrakter Begriffe wie „Stilrichtung", „Kunst" und „Erkennen". Picasso hat einmal sinngemäß auf die Frage nach der konkreten Bedeutung seiner Werke geantwortet: „Wenn ich sagen könnte, was meine Bilder bedeuten, wäre ich Schriftsteller geworden und nicht Maler."

Martin Wernert wurde 1965 in Meßkirch geboren und studierte von 1983–1988 Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe/Außenstelle Freiburg bei Professor Peter Dreher. Seit 1992 lebt und arbeitet Martin Wernert in Trossingen. Seine großformatigen Ölgemälde und Kohlezeichnungen sind auf den ersten Blick einfach zu beschreiben: Sie sind gegenständlich, realistisch, zeigen konkrete, wiedererkennbare Bildinhalte und einheitliche Motive. Bei den abgebildeten Figuren handelt es sich durchweg um junge Frauen, die zumeist in einem eng begrenzten Raum gezeigt werden, der sich über ein Fenster, das als primäre Lichtquelle dient, nach außen öffnet. Bei der Aufzählung dieser Elemente fühlt man sich unweigerlich an die Interieur-Malerei des Barock erinnert, insbesondere an Vermeer, der zweifellos zu den großen Vorbildern Wernerts zählt.

Doch dann stellt sich die Frage, was solche Bilder, detailgenau und mit großem Aufwand in Lasurtechnik gemalt, in der heutigen Zeit zu suchen haben. Bei genauerer Betrachtung beginnt die Kategorisierung „Realismus" zu bröckeln: Nach einer längeren Einfühlungs- und Annäherungsphase des Rezipienten offenbaren sich zunehmend Unstimmigkeiten, Provokationen und Brüche des Idealbildes. So erscheint beispielsweise auf mehreren der hier gezeigten Exponate dieselbe Person doppelt, in unterschiedlichen Zuständen und Bekleidungen – ein Kunstgriff, der unseren Erfahrungen widerspricht. Auch andere Methoden wie Gegenlichtdarstellung, ungewöhnliche Bildausschnitte, Betonung flächig abstrakter Bildteile oder Einfügen von Bildschleiern durch Zugabe von Sand erzeugen Spannung zwischen Gewohntem und Ungewohntem – eine Spannung, die die Werke Martin Wernerts charakterisiert und seine Zugehörigkeit zur postmodernen Malerei begründet.

Was unter dem Begriff „Postmoderne" zu verstehen ist, ergibt sich einerseits durch die Nennung dessen Charakteristika, andererseits durch die Abgrenzung vom Gegenbegriff „Moderne". Postmoderne Künstler wie Martin Wernert widersprechen der Moderne, die durch ihre unbedingte Ablehnung von Dogmen selbst zur Ideologie wurde, in mehreren Punkten – zum einen aus pragmatischen Gründen, andererseits aus der Überzeugung, daß die Grabenkämpfe zwischen Abstraktion und Realismus der Vergangenheit angehören. Diese produktive Spannung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit zeigt sich bei Wernert vor allem in der Grundstimmung seiner Bilder: Vergleichbar mit den bekannten Glasserien seines Lehrers Peter Dreher sind seine Bilder meditativ. Sie haben keine bestimmte Botschaft, kein inhaltliches Thema, das den Akt des reinen Schauens stören würde – was auch durch die ungewöhnliche Bezeichnung „ohne Titel" zum Ausdruck kommt. All dies sind genuine Errungenschaften der abstrakten Malerei, die Wernert geschickt in seine gegenständliche Malerei integriert, ohne dabei die Fiktionalität der Kunst zu vernachlässigen. Gerade darin besteht seine künstlerische Bedeutung und seine Aktualität.

Ausstellungseröffnung „Martin Wernert – Malerei und Zeichnung" Heidrun Bucher-Schlichtenberger · RWSforum, Frommern, 2006 +

Sehr geehrter Herr Wernert, verehrtes Gastgeberehepaar Schlegel, liebe Kunstfreunde, „Wie lange ist ein Monat?" Über diese Frage räsoniert Raimund Gregorius im Bestsellerbuch „Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier alias Peter Bieri. Selbstverständlich interessieren ihn dabei nicht die mathematisch zu errechnenden Stunden, Minuten oder Sekunden, sondern das Maximum an gelebter Zeit, das ein Monat einem Menschen bieten kann. Sie fragen sich nun bestimmt, was hat diese Betrachtung mit der Kunst Martin Wernerts zu tun. Eine ganze Menge. Denn Zeit, Raum, der Mensch und Fragen menschlicher Existenz sind integrative Bestandteile von Wernerts Bilderwelt.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie Martin Wernerts Frauen betrachten? Sie sind jung, schön, rätselhaft, melancholisch und allein. Martin Wernert macht die Einsamkeit und Introvertiertheit zum großen Thema seiner Arbeit. Seine weiblichen Figuren scheinen nichts weiter zu tun, als innezuhalten und sich selbst dem unaufhaltsamen Verströmen der Zeit zu überlassen. Auf diese Weise bietet die Kunst Martin Wernerts dem Zeitgeist Paroli, der uns permanent bewusst macht, dass Zeit Geld ist und Stillstand Rückstand.

Kommen wir auf den Raum zu sprechen, die nächste Konstante in Wernerts Arbeiten. Das Ambiente, in dem der Künstler seine Frauen präsentiert, ist nicht der öffentliche Raum, sondern eher die häuslich vertraute Umgebung, wodurch die Intimität gesteigert wird. Der Betrachter wird nahezu unfreiwillig zum Voyeur gemacht. Es sind reale Räume, die von Martin Wernert zu erleuchteten Bühnen für das Schauspiel des Lebens deklariert werden. Sein Realismusbegriff geht somit über die pure Abbildung der äußeren Wirklichkeit hinaus. Er schafft eine narrative Offenheit, die bei den Betrachtern eigene Assoziationen freisetzt. Seine Bilder wecken Neugier. Was mag sich wohl vor der Szene abgespielt haben? Diese Momentaufnahmen existentieller Einsamkeit scheinen dem Film Noir zu entspringen.

Martin Wernerts Kompositionen beruhen auf formaler Strenge, durchdachter Bildorganisation und dramaturgischer Lichtregie. Er ist ein Könner der alten Schicht- und Lasurtechnik und versteht es, Gegenstände fotografisch genau abzubilden. Er überzeugt durch sein faszinierendes Spiel mit Licht und Schattenreflexen auf der Oberfläche von Gegenständen. Martin Wernerts Kunst nährt sich von Kenntnissen der Hell-Dunkel-Malerei eines Rembrandts ebenso wie von der altmeisterlichen Schicht- und Lasurmalerei, die von Otto Dix an der Dresdner Akademie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wieder belebt wurde. Um diese Transparenz zu erreichen, erfolgt zunächst eine flächige monochrome Untermalung mit Tempera. Der Unterbau wird dann mit Ölharzfarbe Schicht um Schicht weiter ausdifferenziert. Diese besondere Lasurtechnik ist charakteristisch für Wernerts Werk – und macht sein Œuvre überschaubar, da eine inflationäre Bilderproduktion damit schlichtweg nicht möglich ist.

Martin Wernert hat seinen großen Bildern oft Titel gegeben, die eine zusätzliche Bedeutungsebene ansprechen. „ei-zo" ist japanisch und bedeutet Spiegelung, Reflexion, auch Nachsinnen über sich selbst. Die „Alcyonischen Tage" sind den Metamorphosen des Ovid entnommen: Alcyone, die Frau von König Ceyx, wartet und betet für ihren Mann, der über das Meer gefahren ist. Doch Ceyx kommt um. Martin Wernert beabsichtigt mit seiner Titelvergabe keine Illustration des literarischen Textes, wohl aber gibt es Hinweise: der Eisvogel, Symbol der Liebe, Alcyone in erstarrter Haltung, Blumen, die zu Boden fallen und welken. In diesem Gemälde spielen Eros und Thanatos, Liebe und Tod die Hauptrollen.

Zum Schluss meiner Rede möchte ich Ihnen gerne ein Goethe-Zitat mit auf Ihren Ausstellungsrundgang mitgeben, das der amerikanische Maler Edward Hopper immer auf einem kleinen Zettel bei sich trug: „Schau hin bis zur Faszination. Vertraue darauf, dass Du etwas sehen wirst. Wenn du lernst zu warten, dann werden die Dinge langsam in Dein Bewusstsein sinken und sie werden eine Bedeutung erlangen, die in Farbe und Gefühl aufgewogen werden kann."

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Martin Wernert – Malerei und Zeichnung" Martin Mäntele · Galerie im Torhaus, Leutkirch, 2006 +

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Martin Wernert, das Werk des 1965 geborenen Malers ist nicht klein, aber überschaubar, sodass angesichts einer Zahl von rund 30 Gemälden, die zwischen 1995 und heute entstanden sind, schon beinahe von einer Retrospektive gesprochen werden könnte. Retrospektiv möchte ich allerdings nicht werden, vielmehr gilt es, die Zeitgenossenschaft Martin Wernerts zu kennzeichnen, der mit seiner Malweise, seinen Themen, Sujets, Motiven und auch mit seinem Auftreten von allen zeitgenössischen Gebräuchen eines sich mehr und mehr selbst bespiegelnden Kunstbetriebs abhebt.

Martin Wernert, in Meßkirch geboren, studierte in Freiburg in der Klasse von Peter Dreher Freie Malerei. Er lebt und arbeitet seit Jahren in Trossingen, vor einiger Zeit bezog er ein weiteres Atelier in Berlin. Auf allen Gemälden dieser Ausstellung finden sich Frauen, die noch sehr jung erscheinen, allein oder zu zweit, in Innenräumen. Die Maltechnik ist traditionell: Martin Wernert arbeitet in einer Lasurtechnik, die Schicht um Schicht das Bild aufbaut. Das braucht Zeit und erfordert Konzentration beim Malen, da der Vorgang nicht emotional, sondern kontrolliert abläuft.

Wenden wir uns zunächst dem Werk zu, das Sie von der Einladungskarte kennen: Vor einer roten Wand sitzt eine junge Frau auf einem Stuhl, oberhalb ihres Kopfes hängt ein Spiegel, in dem sich eine Aktfigur spiegelt, die vor einem Fenster steht. Das Werk entstand 1995, Martin Wernert überarbeitete es 2005. Die Maße sind 150 × 97 cm. Der Titel lautet „ei-zo", ein aus dem Japanischen entlehnter Begriff. Er steht für Reflexion, und zwar im doppelten Wortsinn: „Rückstrahlung von Licht, Schall, Wärme" sowie „Vertiefung in einen Gedankengang, Betrachtung". Beide Elemente können wir im Bild finden: Die junge Frau sitzt gedankenverloren auf ihrem Stuhl, die „Rückstrahlung von Licht" manifestiert sich im Spiegelbild.

Immer sind Kunstwerke auch ein Dialog mit schon existierenden Kunstwerken. An Jan Vermeer van Delft erinnert der Blau-Gelb-Kontrast von Himmel und Vorhang in „Der Besuch am Abend", ein Bild von 2003 mit den Maßen 170 × 130 cm. Martin Wernert erweist auch seinem Lehrer Peter Dreher Reverenz, der seit vielen Jahren jeden Tag ein einfaches Wasserglas zeichnet oder malt – ein solches Glas findet sich, mit Wasser gefüllt, auf dem Fenstersims des „Besuch am Abend". Es ist an sich schon schwierig genug, ein Glas wirklich in seiner Transparenz malerisch zu erfassen; noch schwieriger, Wasser darin zu malen. Doch geht es nicht um vordergründige Virtuosität, sondern der Künstler eröffnet einen Dialog über die Epochen der Kunstgeschichte hinweg zwischen Vermeer, Dreher und ihm selbst über das Verhältnis von Farbe und Licht.

Das Bild, das mich am meisten beschäftigt, trägt den Titel „Alkyonische Tage", es entstand 2001, wurde 2005 überarbeitet und misst 173 auf 97 cm. Eine ungemein attraktive junge Frau sitzt mit hochgezogenen Beinen auf einem Sofa und schaut direkt uns, die Betrachter, an. Eine Vase ist umgekippt, die Rosen fallen über die Kante nach unten, das Wasser bildet schon eine Pfütze am Boden. Wer noch Zweifel an den Fähigkeiten des Malers Martin Wernert haben sollte, dürfte mit diesem Gemälde eines Besseren belehrt werden. Die Formulierung „alkyonische Tage" steht für friedliche, windstille Sommertage, rührt aber von einer letztlich traurig endenden Geschichte aus Ovids Metamorphosen her: Alkyone, die Tochter des Äolus, wartet auf die Rückkehr des Geliebten, muss aber schließlich erfahren, dass er Schiffbruch erlitten hat.

Für mich bildet dieses Werk den Kern des Œuvres von Martin Wernert. Seine überragende malerische Durchführung geht einher mit seiner inhaltlichen Verdichtung, wobei der Inhalt hier mehr der Logik von Traumbildern folgt – es ist keine Geschichte, die von Anfang bis Ende erzählt werden kann. Das dürfte auch die Faszination begründen, die das Werk ausstrahlt. Die hier präsentierte Auswahl legt den Schluss nahe, dass es in Wernerts Werk in besonderem Maße um die Reflexion über die Kunst und die Welt mit den Mitteln der Malerei geht. Einen Text zu diesen Bildern gibt es nicht, höchstens Texte. Es ist die Aufgabe des Betrachters, seinen Text zu finden. Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen und danke für Ihre Aufmerksamkeit!


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